Ernährung des Meerschweinchens
© Dr. Doris Quinten

1.4. Ernährung
1.4.1. Heu
Meerschweinchen sind reine Pflanzenfresser. Sie ernähren sich in Freiheit fast ausschließlich von Gräsern und Kräutern der südamerikanischen Bergwiesen. Reife Körner nehmen sie nur selten in Form von Grasrispen auf. Heu, d.h. getrocknete Wiese sollte daher unseren Hausmeerschweinchen den ganzen Tag zur freien Verfügung stehen. Die Aussage: "Die optimale Ernährung eines Meerschweinchens besteht neben Frischfutter aus Heu als Vorspeise, Heu als Hauptgericht und nochmals Heu als Nachspeise" sollte daher ernst genommen werden. Heu ist sehr rohfaserreich und unterstützt die Darmfunktion. Die Darmperistaltik eines Meerschweins ist sehr schwach. Die Tiere sind, um den Nahrungsbrei im Darm weitertransportieren zu können, auf ständigen Nachschub "von oben" angewiesen. Daher nehmen Meerschweinchen innerhalb von 24 Stunden etwa 100 kleine Portionen zu sich. Durch das ständige Zerkauen des Heus werden zudem die dauerhaft wachsenden Zähne optimal abgeschliffen. Das Heu sollte sauber, staubfrei und ohne jegliche Spuren von Schimmel sein. Am besten riechen Sie vor dem Verfüttern daran. Gutes Heu riecht würzig-frisch; altes, feucht gelagertes Heu muffig. Um es vor Verschmutzung mit Kot und Urin zu schützen, wird es am besten in kleinen, an der Käfigwand befestigten Raufen angeboten ( siehe Käfigeinrichtung, Seite ...).

1.4.2. Frischfutter Frischfutter sollte täglich angeboten werden. An heißen Sommertagen empfiehlt es sich, leicht verderbliche Salate, Kräuter und Obst erst am Abend zu füttern. Verwelktes Grünfutter oder angegorenes Obst muss sofort entfernt werden, da die empfindlichen Nager darauf mit nicht selten lebensgefährlichem Blähungen und Durchfall reagieren können. Grünfutter sollte gründlich gewaschen, jedoch völlig trocken sein (d.h. nach dem Waschen gründlich abtrocknen!). Der Verdauungstrakt des Meerschweinchens reagiert sehr empfindlich auf Futterumstellungen und Fütterungsfehler. Die häufigste Todesursache der kleinen Nager sind Verdauungsstörungen! Es empfiehlt sich daher, das Frischfutter möglichst gleichmäßig, jedoch in einer vielfältigen Mischung zusammenzustellen. Wird ein Wechsel erforderlich (bei unterschiedlichem saisonalen Angebot), muss dieser ganz allmählich und vorsichtig erfolgen. Das neue Futter wird nur in kleinen, nach und nach größer werdenden Mengen dem gewohnten Futter beigegeben. Frischfutter darf weder von Flächen stammen, die mit Pestiziden behandelt wurden (z.B. Ränder von Feldern), noch von Straßenrändern vielbefahrener Straßen. Die verschiedenen Futterpflanzen enthalten Nährstoffe wie Eiweiße, Vitamine, Mineralstoffe, Fettsäuren in unterschiedlicher Konzentration, je nach Pflanzenart und Jahreszeit, in der sie geerntet werden. Um ein Überangebot oder Mangel eines Nährstoffes und damit Fütterungsbedingte Gesundheitsstörungen zu vermeiden, sollte die tägliche Frischfutterration niemals aus nur einer einzelnen Pflanzenart sondern vielfältig aus verschiedenen Pflanzen und Obst zusammengestellt sein. (siehe auch Vitamine und Mineralstoffe, Seite ...). Es eignen sich z.B. alle Sorten von Salaten, Gurken, Karotten mit Kraut, Petersilie, Hagebutten, Tomaten, Mangold, Sellerie einschließlich der Blätter, Grünmais, Chicoree, Brokkoli, Paprika, Fenchel, Rote Rüben, gekochte Kartoffel, Apfel, Erdbeeren, Orangen, Birne, Kiwi, Wassermelone, Banane. Die meisten Meerschweinchen lieben Kohlgewächse. Sie sollten jedoch nur sehr sparsam gegeben werden, da sie gerne zu Blähungen führen. Auch Kräuter wie Basilikum oder Thymian werden, in kleinen Mengen zugemischt, gerne genommen. Im Sommer stehen dem Tierfreund verschiedene Wildpflanzen wie z.B. Löwenzahn, Brennnessel (soll nur angetrocknet verfüttert werden), Gras, Wiesenklee, Huflattich, Wegerich, Gänzefingerkraut, Kamille, Ackerminze, Schafgarbe oder auch Beifuss zur Verfügung. Aber bitte beachten Sie auch hier den Grundsatz: ungewohntes Futter zunächst nur ganz wenig und erst nach und nach in allmählich steigernder Menge anbieten.

1.4.3.Kraftfutter (Trockenfutter) Unter Kraftfutter versteht man eine Mischung aus verschiedenen Getreidekörnern, Samen, Saaten und Nüssen. Da erwachsene und gesunde Meerschweinchen Gräser, Salate und Obst durch mikrobielle Zersetzung im Dickdarmbereich sehr gut verwerten können, benötigen sie zusätzlich zur täglichen Frischfutterration kein Kraftfutter. Trockenfutter oder Kraftfutter ist sehr energiereich und führt zu Übergewicht. Es beeinträchtigt aufgrund seines hohen Stärkegehaltes das Gleichgewicht der Darmflora. Wegen seines hohen Calciumgehaltes begünstigt es die Entstehung von Knochenveränderungen Zahnfehlstellungen, Blasensteinen und Organverkalkungen (siehe auch Seiten ...). Nur in Zeiten erhöhten Energiebedarfs wie z.B. Wachstum, Trächtigkeit oder nach Operationen kann es in kleinen Mengen (max. 1 schwach gehäufter Esslöffel, bei Jungtieren 1 Teelöffel pro Tag) als Stärkungsmittel verabreicht werden. Vorsicht: die häufig im Handel angebotenen Kraftfuttermischungen für Meerschweinchen und Kaninchen werden in Ihrer Zusammensetzung den Bedürfnissen dieser grundsätzlich verschiedenen Tierarten nicht gerecht. Zudem enthalten sie oftmals bunt gefärbte, getrocknete Brotstückchen, die Gemüse und Obst täuschend ähnlich sehen. Zusammen mit der Deklarierung "Alleinfutter" wird dem Tierbesitzer eine Vollwertigkeit des Trockenfutters suggeriert, was es jedoch in keiner Weise ist. Es hat sich bewährt, Kraftfutter selbst zusammenzustellen. Vor allem bei Nüssen und Samen besteht die Gefahr der Schimmelbildung durch Überlagerung. Ölsaaten können ranzig werden. Daher sollten Sie nur solche kaufen, die auch für den menschlichen Verzehr geeignet sind (z. B. aus dem Reformhaus). Da Kraftfutter nur kurzzeitig und in geringen Mengen verabreicht werden darf, fällt der etwas höhere Preis für qualitativ hochwertige Zutaten kaum ins Gewicht. Sparsamkeit ist hier fehl am Platz und muss nicht selten durch hohe Tierarztkosten teuer bezahlt werden. Beispiel für eine selbstzusammengestellte Kraftfuttermischung: 1 Packung (500g) Sechskorn-Getreide-Mischung 3 Esslöffel Leinsamen 3 Esslöffel Sonnenblumenkerne (geschält) 10 Walnüsse (gebrochen) 1 Esslöffel Kürbiskerne (geschält) Da Ölfrüchte gerne ranzig werden, sollten Sie die Mischung im Kühlschrank aufbewahren.

1.4.4. Nagefutter Meerschweinchenzähne wachsen 1.2 bis 1.5 mm in der Woche. Sie müssen durch Zermahlen von hartem Futter ständig abgeschliffen werden. Dazu eignen sich neben Heu die Äste einheimischer Bäume und Sträucher (z.B. Buche, Haselnuss, Obstbäume, Weide, Kastanie, Holunder). Verwenden Sie kein Holz von exotischen Ziersträuchern. Über ihre Verträglichkeit für Meerschweinchen gibt es keine Erfahrungen. Einmal pro Woche kann ein großes Stück hartes Vollkornbrot angeboten werden. Achten Sie jedoch darauf, dass das Brot keinerlei Schimmelbildung aufweist. Die im Handel verkauften "Knabberstangen" bestehen vorwiegend aus Körnern und getrocknetem, gefärbtem Brot, das Früchten oder Gemüse täuschend ähnlich sieht. Solche Knabberstangen entsprechen in ihrer Zusammensetzung dem kommerziellen Trockenfutter und sind aus den gleichen Gründen (Veränderung der Darmflora, Gefahr von Übergewicht) nicht zu empfehlen.

1.4.5. Trinkwasser Obwohl gesunde Meerschweinchen mit ausreichend Frischfutter wenig bis gar kein Wasser zusätzlich aufnehmen, muss jedoch sauberes Trinkwasser grundsätzlich immer zur Verfügung stehen. Bei Kraftfuttergaben, Nierenerkrankungen, während heißer Sommermonaten sowie im Winter bei wärmerer Heizungsluft sind die Tiere auf Wasser angewiesen.

1.4.6. Vitamine Werden Meerschweinchen so, wie in Kapitel 1.4.2. beschrieben, mit ausreichender Menge vielfältigem Frischfutter ernährt, ist eine Vitaminunterversorgung kaum zu erwarten. Zusätzliche Vitamingaben bei gesunden Meerschweinchen, mit Ausnahme von Vitamin C, schaden mehr als sie nützen, denn auch eine Überversorgung mit Vitaminen kann zu schwersten Gesundheitsstörungen führen. Allerdings sollte man bei älteren, trächtigen oder kranken Tieren (v.a. solchen mit Zahnproblemen oder Darmerkrankungen) ein besonderes Augenmerk auf die Versorgung mit folgenden Vitaminen achten: Vitamin C Dieses Vitamin muss mit der Nahrung zugeführt werden, da Meerschweinchen, so wie z.B. auch der Mensch, nicht in der Lage sind, Vitamin C selbst zu bilden. Es ist wasserlöslich und wird im Körper nicht gespeichert. Daher ist die tägliche Gabe von Frischfutter (auch in den Wintermonaten) für den Gesundheitszustand der kleinen Nager absolut erforderlich. Vitamin C-Mangel führt zu schwersten Erkrankungen (siehe auch Seite ....). Einen besonders hohen Gehalt an Vitamin C haben Paprika, Brokkoli, Fenchel, Kiwi, Hagebutten, Orangen und Petersilie. Bei Erkrankungen, in deren Verlauf die Nahrungsaufnahme gestört ist sowie bei höherem Vitamin C- Bedarf (bei Infektionserkrankungen, nach Operationen und während der Trächtigkeit) hat es sich bewährt, Vitamin C als Medikament zu verabreichen. Geben Sie eine Messerspitze Vitamin C-Pulver (Ascorbinsäure-Pulver), vermischt mit 1 Messerspitze Traubenzucker, in Wasser aufgelöst, einmal täglich mit einer Spritze direkt in die Mundhöhle. Vitamin C ist lichtempfindlich. Es ist daher nicht sinnvoll, das Vitamin ins Trinkwasser zu geben. Innerhalb kurzer Zeit wird es durch Licht zerstört und damit wirkungslos. Gerne wird auch Sanddornsaft (aus dem Reformhaus) als Vitamin C-Quelle angenommen. Vitamine B und K Im Blinddarm von Meerschweinchen leben unzählige Kleinstlebewesen. Sie sind in der Lage, die reine Pflanzennahrung so aufzuschließen, dass die darin enthaltenen Nährstoffe von den kleinen Nagern verwertet werden können. Daraus produzieren Sie u.a. die lebensnotwendigen Vitamin B und K. In periodischen Abständen (hauptsächlich nachts) wird der sehr eiweiß- und vitaminreiche, weiche Blinddarmkot ausgeschieden, von den Tieren direkt am After abgenommen und gegessen (Caecotrophie). Damit ist die Versorgung mit verdaulichem Eiweiß sowie mit den Vitaminen B und K gesichert. Wird einem Meerschwein die Aufnahme von Blinddarmkot verwehrt, führt das innerhalb weniger Wochen zum Tod. Darmerkrankungen, bei denen die vitaminproduzierenden Kleinstlebewesen im Blinddarm geschädigt oder abgetötet werden, führen zu Mangel an Vitamin B und K und den daraus resultierenden Folgeschäden (siehe Seite...). Neben der Behandlung der Grundkrankheit müssen in einem solchem Fall Vitamin B und K als Medikamente unter tierärztlicher Kontrolle zugeführt werden. Vitamin D Rachitis, eine Erkrankung durch Mangel an Vitamin D, tritt beim Meerschweinchen fast nie auf. Das Gegenteil jedoch, Organverkalkungen und Blasensteine (siehe Seiten ...) aufgrund zuviel Vitamin D, sieht man jedoch recht häufig. Grundsätzlich gilt daher: kein künstlicher Zusatz von Vitamin D, auch nicht in Form von Lebertranprodukten! Vorsicht bei kommerziellen Trockenfuttermischungen. Sie sind häufig mit Vitamin D angereichert, was zu Überdosierung mit den genannten Folgeschäden führen kann. Da für die Aktivierung von Vitamin D im Körper UV-Licht benötigt wird, sollten sich Meerschweinchen mindestens 2 mal pro Woche im Freien (Garten, Balkon) aufhalten. Ist dies nicht möglich, kann auch eine UV- Tierlampe über dem Käfig verwendet werden. Eine solche UV-Lampe erhalten Sie im Tierfachhandel. Vitamin A Vitamin A ist in allen Grünpflanzen, Karotten und Obst in ausreichend hoher Dosierung vorhanden. Es wird bei Meerschweinchen in der Leber und im Fettgewebe gespeichert und nach Bedarf dem Körper zur Verfügung gestellt. Bei Meerschweinchen, die vollwertig mit viel Frischfutter ernährt werden, sind daher keine Mangelerscheinungen zu erwarten. Zusätzliche Vitamin A-Präparate sollten grundsätzlich nicht verabreicht werden, da das fettlösliche Vitamin nur schwer wieder ausgeschieden werden kann. Die Gefahr der Überdosierung und daraus resultierender Leberschädigung ist sehr hoch. (Ausnahme: bei bestimmten Erkrankungen unter tierärztlicher Kontrolle). Vorsicht auch hier bei kommerziellen Trockenfuttermischungen! Sie sind häufig mit Vitamin A angereichert.

1.4.7. Mineralstoffe Freilebende Meerschweinchen müssen dort, wo sie zu Hause sind (in südamerikanischen Hochgebirgen), mit relativ mineralstoffarmem Futter zurechtkommen. Der Körper der kleinen Nager hat sich optimal an diese Situation angepasst: Mineralstoffe, v.a. das Calcium werden im Darm des Meerschweinchens besonders gut resorbiert, so dass schon geringe Mengen im Futter ausreichen, um den Bedarf zu decken. Wird den Tieren nun sehr mineralstoffreiches Futter gereicht, kommt es schnell zur Überversorgung. Organverkalkungen, Skelettveränderung mit Zahnfehlstellungen sowie Harngries und Blasensteine können die Folgen sein (siehe Seite ...) Grundsätzlich gilt daher: 1.Salz- oder Mineralnagesteine gehören nicht in einen Meerschweinchenkäfig!!! 2. Kraftfutter nur bei wachsenden, trächtigen Tieren oder nach Operationen anbieten (siehe Seite ...) 3. Stark calciumhaltige Pflanzen (Luzerne, Brokkoli, Kohlrabiblätter, Petersilie und alle anderen Kräuter) sollten in nur geringen Mengen (ca. 10%) in der täglichen Frischfutterration enthalten sein.